Update, 9. September 2026: Dieser Text wurde nach der Erstveröffentlichung am 19. Juli 2026 überarbeitet und an mehreren Stellen ergänzt.
Alle paar Wochen erscheinen in den Zeitungen Artikel, in denen sich Experten über die Macht der Tech-Konzerne beschweren. Die Analysen sind meistens zutreffend: Die Algorithmen verzerren demokratische Diskurse, die Daten werden zu Werbezwecken ausgebeutet, die Plattformbetreiber bleiben von Haftung befreit. Die Kritik ist richtig.
Aber alle tun so, als wären diese Konzerne plötzlich vom Himmel gefallen. Sie beklagen die Macht, aber sie fragen nicht, wie diese Macht entstehen konnte. Sie prangern die Abhängigkeit an, aber sie verschweigen, wer diese Abhängigkeit überhaupt erst geschaffen hat.
Die Antwort ist unangenehm. Die Medien, die Politik, die öffentliche Hand und die User haben den Tech-Konzernen über fast zwei Jahrzehnte hinweg bereitwillig den roten Teppich ausgerollt. Sie haben die Plattformen nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert, befeuert und zu dem gemacht, was sie heute sind. Aus Bequemlichkeit, aus Kostengründen und aus kurzsichtiger Reichweitenmaximierung.
Die Erinnerung an die Anfänge sozialer Netzwerke ist heute oft verklärt. Wer die Zeit um 2008 miterlebt hat, weiß, dass die Welt damals vielfältiger war. MySpace war das Netzwerk der Musik- und Kreativszene, wo man sein Profil individuell mit eigenem CSS gestalten konnte. Netlog war bei uns in der Klasse beliebt, mit seinem einfachen Followsystem, und in vielen europäischen Ländern die erste Adresse für Jugendliche. Facebook galt vielen als steril, als zu akademisch, als uninteressant. (…Wobei ich zugeben muss, dass Facebook technisch viel richtig gemacht hat! In Gegensatz zu MySpace (ColdFusion) setzte Facebook von Anfang an auf FOSS und verwendete einen LAMP-Stack wodurch es skalierbarer war…)
Im Sommer 2009 wusste in Europa noch kaum jemand etwas von Facebook. Die Plattform war ein Nischenprodukt, das in amerikanischen Studentenbuden gestartet war. Wer damals online war, war auf MySpace, auf Netlog, StudiVZ, sms.at, superchat.at oder deutschen Foren wie ComputerBase. Es gab keine Notwendigkeit zu wechseln. Die Netzwerke funktionierten.
Und dann geschah etwas Bemerkenswertes. Die Politik und die großen Medien, die sich bis dahin aus sozialen Netzwerken weitgehend herausgehalten hatten, entdeckten plötzlich Facebook.
Auf MySpace und Netlog war kein Politiker, kein öffentlich-rechtlicher Sender, kein Ministerium vertreten. Diese Plattformen wurden von den Institutionen schlicht ignoriert. Sie galten als Kinderkram, als Jugendszene, als nicht relevant für den ernsthaften Diskurs. Während also Millionen junger Europäer auf MySpace ihre Bands entdeckten und auf Netlog mit Freunden kommunizierten, schauten die Mächtigen des Landes weg.
Dann, Anfang 2010, der Umschwung. Plötzlich waren alle großen Firmen auf Facebook. Die Medien, die zuvor noch auf ihre eigenen Foren und Kommentarspalten gesetzt hatten, eröffneten Fanseiten. Politiker, die noch vor einem Jahr kein soziales Netzwerk von innen gesehen hatten, ließen sich von ihren Beratern Fanseiten einrichten und riefen ihre Wähler auf, ihnen zu folgen. Ministerien, die bislang auf Pressemitteilungen und Amtsblätter gesetzt hatten, twitterten plötzlich ihre Meldungen.
Die öffentliche Hand gab damit eine entscheidende Botschaft aus: Facebook/Twitter war fortan der Ort, an dem Relevanz entsteht. Wer hier nicht präsent ist, existiert nicht.
Das war keine Reaktion auf einen Nutzerwunsch. Die Nutzer waren zu diesem Zeitpunkt noch überall. MySpace hatte Millionen aktive Profile. Netlog war in vielen Ländern Europas die dominierende Plattform für junge Leute. Niemand hatte die Institutionen gedrängt, zu Facebook zu gehen. Im Gegenteil, viele Nutzer folgten erst, nachdem ihre Vereine, ihre Lieblingsbands, ihre Politiker und ihre Nachrichtenquellen dorthin umgezogen waren.
Die Medien spielten bei der Etablierung von Facebook eine Schlüsselrolle, und sie taten dies durch eine Reihe konkreter Entscheidungen, die sich über mehrere Jahre erstreckten.
Als erstes kamen die Sharebuttons. Plötzlich erschien auf jeder Artikelseite der knallblaue Button, der die Leser aufforderte, den Beitrag auf Facebook zu teilen. Die Medien machten Facebook damit zum zentralen Verteiler ihrer Inhalte. Wer den Artikel lesen wollte, konnte das zwar weiterhin auf der Website tun, aber die mediale Aufmerksamkeit, die Diskussion, der Austausch das sollte fortan auf Facebook stattfinden. Die Leser wurden regelrecht dorthin gelotst.
Dann stellten sie ihre RSS-Feeds ein. Jahrelang hatten Leser die Möglichkeit, sich Inhalte ihrer Lieblingsmedien automatisch aggregieren zu lassen, ohne eine bestimmte Plattform besuchen zu müssen. Das wurde eingestellt. Stattdessen verwiesen die Medien auf ihre Twitter-Kanäle. Wer informiert bleiben wollte, musste nun entweder die Website manuell aufrufen oder den Kurznachrichtendienst des US-Konzerns nutzen.
Der nächste Schritt war die Schließung der eigenen Foren. Die Medien hatten über Jahre hinweg eigene Diskussionsräume betrieben, in denen Leser miteinander und mit den Redaktionen kommunizieren konnten. Diese Foren wurden geschlossen. Die Begründung war immer dieselbe: Die Moderation sei zu aufwendig, zu teuer, zu personalintensiv. Fortan sollten die Diskussionen auf der Kommentarfunktion von Facebook stattfinden. Man übergab die gesamte Leserkommunikation einem US-Konzern, inklusive der Daten, die dabei entstanden.
Der letzte Schritt war die Aufgabe des eigenen Login-Systems. Früher musste man sich auf jeder Website mit einem eigenen Benutzernamen und Passwort registrieren. Die Medien wollten diese Verantwortung nicht mehr tragen. Sie outsourcten die Authentifizierung an Google, Meta, Microsoft oder Apple. Wer heute z.B. beim STANDARD oder bei vielen anderen großen Medien kommentieren möchte, wird aufgefordert, sich mit seinem Google- oder Apple-Konto anzumelden. Die Kontrolle über die Nutzerdaten, die Verantwortung für deren Schutz, die Möglichkeit, unabhängige Nutzerprofile zu führen, all das wurde an US-Konzerne abgegeben.
Jede dieser Entscheidungen für sich genommen mochte pragmatisch erscheinen. Der Sharebutton brachte Reichweite. Die Einstellung der RSS-Feeds sparte Kosten. Die Schließung der Foren entlastete die Redaktionen. Das Outsourcen des Logins reduzierte den technischen Aufwand.
Zusammen aber führten diese Entscheidungen zu einem schleichenden Ausverkauf der digitalen Souveränität. Die Medien gaben Schritt für Schritt ihre Unabhängigkeit auf. Sie machten Facebook, Google und Twitter zu den Dreh- und Angelpunkten ihrer digitalen Existenz. Sie lagerten Infrastruktur, Daten und Kommunikation aus, weil sie selbst nicht bereit waren, in die Pflege ihrer digitalen Räume zu investieren.
Nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk sind unter anderem Armin Wolf und Beate Meinl-Reisinger zu Bluesky gewechselt, haben Zehntausende Follower mitgenommen (…also kommt mir jetzt nicht mit Netwerkeffekten oder ähnlichen Ausreden warum man nicht von Facebook, Whatsapp und co wegkommt! Hört auf zu jammern, stellt eure Mastodon-Instanz auf, zieht um und die Nutzer werden nachkommen, genau wie sie euch 2010 zu Facebook gefolgt sind! Ausgerechnet Trump hat mit Truth Social exakt das gemacht, als er von Twitter gebannt wurde und so bewiesen, dass es geht! Er hat einfach ein paar Techniker angeheuert, eine Mastodon-Instanz aufgesetzt, sie umgebrandet, und Millionen sind ihm gefolgt, sodass diese Plattform zum Dreh- und Angelpunkt seiner gesamten “Bewegung” wurde. Ohne Milliardenbudget, ohne jahrelange Vorbereitung. Er hat es einfach gemacht, statt sich ohnmächtig in Selbstmitleid zu suhlen…) und haben damit gleichzeitig bewiesen, dass sie aus dem Twitter-Debakel nichts gelernt haben!
Bluesky ist die nächste US-Datenkrake im Aufbau. Gegründet von Jack Dorsey, dem ehemaligen Twitter-Chef, finanziert von Risikokapitalgebern, die eines Tages ihre Rendite sehen wollen. Die Plattform mag sich jetzt noch offen geben, mag sich als dezentral bezeichnen, aber die Eigentumsstruktur ist dieselbe wie bei Meta und Google. Statt ActivityPub zu verwenden, das offene W3C-Protokoll, das bereits im Fediverse von Mastodon, PeerTube und anderen genutzt wird, hat Bluesky ein eigenes Protokoll entwickelt, das AT Protocol. Zwar ist dieses Protokoll quelloffen, aber das entscheidende ist: Die maßgebliche Referenzimplementierung wird von einem einzigen US-Unternehmen kontrolliert. Dieses Unternehmen verwaltet die zentralen Infrastrukturen wie die Relays (…Und wer jetzt meint, man könne einfach selbst einen Relay hosten: Die Dinger sind riesig, wachsen exponentiell und fressen Infrastrukturkosten, die kein Privater stemmen kann. Faktisch bleibt die Kontrolle bei Bluesky!…), sitzt auf den Nutzerdaten und wird irgendwann Rendite erwirtschaften müssen. Ein Wechsel von einem US-Konzern zum nächsten ist kein Fortschritt, es ist nur ein Markenwechsel.
Wir können uns jetzt schon ansehen, wie der gleiche Fehler wiederholt wird. In 15 Jahren werden sich dieselben Leute wieder beschweren, dass Bluesky ihnen die Regeln diktieren. Dass die Algorithmen undurchsichtig sind. Dass die Daten ausgebeutet werden. Dass die Moderation versagt.
Die Medien und die Politik hatten die Chance, diesmal anders zu handeln. Sie konnten zu Mastodon wechseln (…wie die EU-Kommission…), ins Fediverse, zu offenen und dezentralen Strukturen, die kein US-Unternehmen kontrolliert. Sie könnten ihre eigenen Instanzen betreiben und die Hoheit über ihre Daten behalten. Sie tun es nicht. Sie wechseln von einem US-Konzern zum nächsten und nennen das Fortschritt.
Der rote Teppich wird gerade wieder ausgerollt. Nur diesmal können sie nicht sagen, sie hätten es nicht gewusst!
Die Tech-Konzerne haben den Medien über fast zwei Jahrzehnte hinweg eine funktionierende Plattform zur Verfügung gestellt. Die Sharebuttons funktionierten, die Reichweite stimmte, die Kommentarfunktion lief. Es war bequem, es war einfach, es schien eine Win-Win-Situation zu sein. Die Medien bekamen Reichweite und technische Infrastruktur, die Konzerne bekamen die Inhalte und die Daten der Nutzer.
Also blieben die Medien. Sie blieben, als Cambridge Analytica kam und klar wurde, dass die Daten der Nutzer systematisch missbraucht wurden. Sie blieben, als die Algorithmen immer undurchsichtiger wurden und nachweislich demokratische Diskurse verzerrten. Sie blieben, als die Moderation immer schlechter wurde und Hass und Hetze sich ausbreiteten. Sie blieben, weil es zu abstrakt war. Weil die Plattformen weiterhin funktionierten. Weil die Reichweite stimmte. Weil die eigene Infrastruktur längst abgerissen war.
Doch damit nicht genug. Die Medien haben sich nicht nur auf die Plattformen begeben, sie haben sich auch aktiv deren Spielregeln unterworfen. Beide Seiten wussten: Reißerische Überschriften, zugespitzte Formulierungen, Inhalte, die Wut, Angst oder Empörung auslösen, bringen Klicks und Klicks sind Geld. Die Algorithmen priorisierten diese Inhalte, weil sie funktionierten. Und die Medien lieferten sie, weil sie funktionierten. Es war ein wechselseitiges Geschäft auf Kosten der Leser. Die Medien formatierten ihre Inhalte für den Feed, optimierten sie für die Reichweite auf Facebook, schrieben für den Algorithmus, nicht mehr für den Leser. Sie waren keine Opfer des Algorithmus, sie waren seine willigen Erfüllungsgehilfen. Sie befeuerten die Maschinerie, über die sie sich heute beschweren.
Jetzt, wo die Schlinge um ihren Hals immer enger wird, jetzt wo die Plattformen die Konditionen diktieren, jetzt wo die Kosten kommen, jetzt führen sich die Medien auf wie die armen Opfer. Sie beschweren sich über die Macht der Konzerne, über die Abhängigkeit, über die fehlende Kontrolle.
Aber sie haben ihr Haus abgerissen. Sie haben sich in den Vorgarten der Tech-Konzerne gesetzt, weil es bequem war und weil sie kein eigenes Haus pflegen wollten. Sie haben die Daten ihrer Nutzer als Zahlungsmittel eingesetzt und die Miete nicht bezahlt. Und jetzt, wo die Konzerne die Miete verlangen, tun sie so, als wären sie die Opfer.
Die Konzerne haben nie etwas versprochen. Sie haben eine Plattform bereitgestellt, Daten gesammelt, Geschäfte gemacht. Das war von Anfang an klar. Die Medien haben sich willig in diese Abhängigkeit begeben, haben die Plattformen mit ihren Inhalten gefüttert und sie zu dem gemacht, was sie sind.
Die politische Heuchelei
Die Politik war bei dem Ganzen kein unbeteiligter Zuschauer. Sie hat die Plattformen nicht nur durch ihre Präsenz gestärkt, sie hat sie auch finanziell gefördert. Millionen von Steuergeldern fließen jährlich in politische Werbekampagnen auf Facebook und Co. Die Parteien beschweren sich über die Macht der Konzerne, aber sie sind ihre besten Kunden.
Die Parteien geben Millionen aus, aber sie kaufen nicht einfach nur Werbung. Sie bestellen Zielgruppen-Targeting auf die Mikro-Ebene, nicht “Frauen in Österreich”, sondern “Frauen zwischen 35 und 45, im Speckgürtel Wiens, mit Interesse an Bildungspolitik, die in den letzten 30 Tagen drei Artikel über Teuerung gelesen haben”. Sie lassen emotionale Trigger optimieren, testen, ob “Angst vor Arbeitslosigkeit” besser zieht als “Hoffnung auf Steuerentlastung”, und schalten dann das, was mehr Klicks bringt. Sie bestellen A/B-getestete Botschaften, zehn verschiedene Überschriften für dieselbe Anzeige, dieselbe Partei, dieselbe Botschaft. Die eine Version bringt 15 % mehr Reaktionen? Dann wird sie ausgespielt, die anderen verschwinden. (…Dasselbe Spiel spielte übrigens Sebastian Kurz 2017 mit den Medien, als er sein Wahlprogramm häppchenweise präsentierte. Er ließ die Reaktionen analysieren, schärfte nach und servierte die nächste Runde! Das war klassisches A/B-Testing und die Medien spielten mit, lieferten ihm die Bühne und als kleinen Bonus dominierte er so auch noch fast die gesamte Berichterstattung. Auf Facebook nennt man soetwas Wahlmanipulation oder mindestens manipulatives Microtargeting, das gleiche Spiel in den Medien heißt “seriöse Berichterstattung”….) Und sie bestellen psychometrische Profile von 2 Millionen Österreichern, nicht als Namensliste, sondern als Verhaltensmuster, die Facebook aus Likes, Klicks, Shares und Verweildauern errechnet hat. Die Parteien müssen nicht einmal wissen, wer da genau sitzt. Sie müssen nur wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen.
Facebook liefert das einfach aus. Es ist eine Bestellung, keine Manipulation von oben. Die Algorithmen sind keine heimlichen Strippenzieher, sie sind eher ein Lieferservice und bringen genau das, was die Parteien bezahlen. Die Parteien bestellen die Munition, zielen damit auf die Wählerschaft und beschweren sich dann über den Waffenhersteller, während sie ihm gerade die nächste Millionenüberweisung tätigen.
Die Zahlen aus dem Nationalratswahlkampf 2019 sprechen eine eindeutige Sprache. Die österreichischen Parteien gaben damals 1,5 Millionen Euro allein für Werbung auf Facebook und Instagram aus. Spitzenreiter war die SPÖ mit knapp 460.000 Euro, gefolgt von der FPÖ mit 412.000 Euro. Die Grünen investierten 204.000 Euro, die ÖVP als Wahlsiegerin immerhin noch 196.000 Euro. Betrachtet man den gesamten Wahlkampfzeitraum seit März 2019, summierten sich die Ausgaben auf mehr als 2,5 Millionen Euro1 für Werbeanzeigen auf Facebook.
Hinzu kamen die Ausgaben für Google und YouTube, die ebenfalls sechsstellig waren. Die Parteien haben sich damit zu den besten Kunden der US-Konzerne gemacht und das mit Steuergeldern, die eigentlich für die demokratische Willensbildung hätten eingesetzt werden sollen.
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit könnte nicht größer sein. Die Parteien fordern strenge Regulierung, beklagen die Macht der Konzerne und wettern gegen Steuervermeidung. Aber wenn es um den eigenen Wahlkampf geht, sind sie bereit, Millionen in die Kassen eben dieser Konzerne zu spülen. Sie finanzieren die Maschinerie, die sie später beklagen.
Und es wird noch absurder: Im Nationalrat werden Reden teilweise schon so gehalten, dass sie möglichst viele Likes auf TikTok generieren (…vor allem bei der FPÖ, aber die anderen holen auf!…). Dasselbe gilt für Auftritte bei Sendern wie oe24, wo die Inszenierung längst wichtiger ist als der Inhalt. Mitschnitte von dort wandern dann meistens gleich nach der Ausstrahlung auf die jeweiligen Kanäle!
Dabei ist der wichtigste Punkt, den die politische Klasse gern verschweigt: Die Konzerne begehen keine Straftaten! Sie halten sich an die Gesetze, die unsere Politiker beschließen. Solange es Steuerinseln gibt, solange es Schlupflöcher gibt, solange es erlaubt ist, Gewinne in Niedrigsteuerländer zu verschieben, solange werden die Konzerne genau das tun. Sie sind Unternehmen, sie haben eine Aktionärspflicht, sie müssen Gewinne maximieren. Dass sie nur den Mindeststeuersatz zahlen, ist nicht illegal. Es ist das System, das unsere Politiker ihnen ermöglichen.
Die gleichen Politiker, die über Steuergerechtigkeit reden, schaffen die Gesetze, die Steuervermeidung erst möglich machen. Sie könnten Steuerinseln abschaffen. Sie könnten verbindliche Mindeststeuersätze festlegen. Sie könnten Transparenz für Konzernstrukturen vorschreiben, aber sie tun es nicht.
Und dann, im Wahlkampf, überweisen sie genau diesen Konzernen Millionen von Steuergeldern. Sie beklagen die Macht von Facebook und Google, aber sie sind deren beste Kunden. Sie finanzieren die Algorithmen, die sie später für die Verzerrung des öffentlichen Diskurses verantwortlich machen. Sie bezahlen die Plattformen, die sie später für die Verbreitung von Desinformation kritisieren.
Die Konzerne machen nichts anderes, als das zu tun, wozu ihnen das Gesetz den Raum gibt. Die Verantwortung liegt bei jenen, die dieses Gesetz machen.
Die wissenden Mitläufer
Die Nutzer werden in den Analysen über die Macht der Konzerne immer als Opfer dargestellt. Als Verführte. Als Ausgebeutete. Das ist eine Lüge.
Die Nutzer sind nicht die Architekten, aber sie sind Mitläufer. Die Abhängigkeit wurde zwar von jenen geschaffen (Medien, Politik und öffentlicher Hand), die den roten Teppich ausgerollt haben. Aber die Nutzer bleiben freiwillig in dieser Abhängigkeit, obwohl sie die Ausgänge kennen und das macht sie zu Komplizen.
Die bequemste Ausrede: “Ich bin nur einer von Milliarden, ich kann nichts ändern.” Eine Selbstentlastung, die jede Eigenverantwortung souverän umschifft.
Nehmen wir WhatsApp. 2011 eine solide Nischen-App die damals genau eine in meiner Klasse verwendete. 2014 kauft Facebook sie und plötzlich explodieren die Nutzerzahlen. Nicht weil die Technologie besser wurde. Nicht weil die App plötzlich mehr konnte. Sondern weil Facebook sie gekauft hatte. Die Nutzer vertrauten nicht der App. Sie vertrauten der Marke. Sie folgten dem Konzern in bemerkenswerter Geschlossenheit.
Oder Google. In den frühen 2000ern war die Suchmaschine tatsächlich besser als Altavista und Yahoo!. Aber heute? Die erste Seite ist voller SEO-Müll, Werbung und Reddit-Links. Die Qualität ist dramatisch gesunken. Trotzdem bleiben die Nutzer! Aus reiner Bequemlichkeit, die Standardsuche zu wechseln.
Die Ausrede “ich wusste es nicht” gilt seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Snowden, Cambridge Analytica, die ewigen Datenskandale, jeder hat es mitbekommen und die Alternativen sind kein Geheimnis: Signal, DuckDuckGo, Ecosia, das Fediverse. Die Nutzer kennen sie. Sie probieren sie sogar aus.
Und dann scheitern sie an der ersten Hürde. Signal installieren sie. Aber die App verlangt einen Wiederherstellungscode. (… Mir würde es ja zu denken geben, warum WhatsApp diesen Code nicht benötigt…) Den muss man sich merken! Das ist anstrengend! Also bleibt Signal ungenutzt.
Mastodon richten sie ein. Aber der Feed ist leer. Es gibt keinen Algorithmus, der ihnen den Bildschirm mit Inhalten füllt. Niemand sagt ihnen, wem sie folgen sollen. Sie müssen selbst überlegen, was sie interessiert. Sie müssen Hashtags suchen. Sie müssen aktiv werden. Das ist Arbeit und somit Überforderung. Also gehen sie zurück zu X, Facebook oder Instagram, wo der Algorithmus ihnen das Denken abnimmt.
Der eigentliche Skandal: Die Nutzer haben die Alternativen auf dem Handy. Sie haben sie installiert, ausprobiert und wieder gelöscht. Nicht weil die Technologie schlecht ist. Sondern weil sie etwas Arbeit bei der Einrichtung verlangen.
Die Konzernplattformen sind Fast Food: Die Nutzer müssen nichts tun, der Fraß wird ihnen serviert. Die Alternativen sind wie Kochen: Man muss selbst einkaufen, würzen, probieren. Und die meisten Menschen bestellen lieber, konsumieren den Müll und beschweren sich dann über die Magenschmerzen.
Die Nutzer sind nicht die Opfer der Konzerne. Sie sind die willigen Konsumenten eines Systems, das ihnen das Denken abnimmt. Sie wissen, dass sie selbst die Ware sind. Es ist ihnen aber egal. Sie kennen die Alternativen. Sie nutzen sie nicht, weil sie am Anfang nicht ganz so bequem sind. Sie wählen die Bequemlichkeit und beschweren sich dann über die Konsequenzen. Das ist nicht Naivität. Das ist eine Frage der Prioritäten.
Und dann die dreisteste Forderung: Die Konzerne seien verantwortlich für den Schutz der Kinder.
Google hat mit YouTube Kids eine eigenständige App entwickelt. Kuratierte, kindgerechte Inhalte. Komplett werbefrei. Kein Algorithmus, der in Verschwörungstheorien abdriftet. Meta hat Kindersicherungen eingebaut: Zeitlimits, Inhaltsfilter, Privatsphäre-Einstellungen. Apple und Google bieten auf Betriebssystem-Ebene umfassende Elternkontrollen.
Und wer nutzt sie? Nur ein Bruchteil der Eltern.
Die meisten geben ihren Kindern einfach das Tablet in die Hand, ohne eine einzige Einstellung vorzunehmen. Sie vertrauen darauf, dass die Konzerne schon irgendwie für ihre Kinder sorgen werden. Fünf Minuten in die Einstellungen zu investieren, ist offenbar zu viel verlangt.
Das ist wie wenn man seinem Kind die Autoschlüssel gibt und sich dann wundert, dass es eine Spritztour macht. Die Konzerne sind nicht die Babysitter der Welt. Sie bieten Werkzeuge an. Wer sie nicht nutzt, hat kein Recht sich zu beschweren.
Die Nutzer sind nicht die Opfer. Sie sind die Mitläufer, die den roten Teppich mitgetragen haben. Sie sind die Kunden, die die Konzernen mit ihre Daten und der ihrer Kinder gefüttert haben. Sie sind dieselben, die heute über die Konsequenzen klagen, während sie morgen wieder auf Instagram ihr Frühstück posten.
Mit dem Klagen sollte Schluss sein. Mit der Opferinszenierung sollte Schluss sein. Die Entscheidung für die Bequemlichkeit ist gefallen und jetzt müssen die Konsequenzen getragen werden oder es wird endlich gewechselt.
(…Mit dem Umstieg ist es wie mit dem Abnehmen! Man kann die Kilos, die man sich in 20 Jahren raufgefressen hat, nicht in 5 Tagen abnehmen! Der Umstieg kann von oben (Politik) kommen, dann geht es schneller, weil die Strukturen einfach mitziehen. Oder er kommt von unten (User), dann ist er mühsam, weil erst eine kritische Masse erreicht werden muss. Aber beides passiert nicht, denn die Politik ist süchtig nach den Zahlen: Likes, Follower, Reichweite. Ein Wechsel zu z.B. Mastodon würde bedeuten, dass die Zahlen erstmal einbrechen und kein Politiker macht das freiwillig. Die Medien wiederum haben Angst vor Reichweitenverlust. Sie haben ihre Analytics auf Google/Facebook-Klicks optimiert und haben außerdem keine Lust, ihre Redaktion auf ein neues Tool umzuschulen. Steigt eine nicht-kritische Masse an Usern um, bleibt jeder Einzelne allein auf der Plattform, ohne Content und ohne Freunde. Der individuelle Wechsel ist sinnlos, solange nicht genug andere mitziehen. Aber genau das ist die Ausrede, mit der alle warten, bis keiner mehr wechselt…)
Digitale Souveränität auf österreichisch
Die Medien haben den roten Teppich ausgerollt, die Politik hat die Konzerne gefüttert. Und die öffentliche Hand? Sie hat sich in eine Abhängigkeit begeben, die noch tiefer reicht. Denn während die Medien zumindest ihre redaktionellen Inhalte weitgehend selbst kontrollieren, hat der Staat seine gesamte digitale Infrastruktur ausgelagert.
Die gleiche Politik, die von digitaler Souveränität faselt, gibt in den Schulen Tablets mit iOS und Android sowie Notebooks mit Windows und ChromeOS aus und sorgt dafür, dass jedes Kind eine Microsoft-, Google- oder Apple-ID braucht, um am Unterricht teilnehmen zu können. Open-Source-Software kommt im Unterricht kaum vor, der Informatik-Unterricht besteht in vielen Schulen vor allem aus Microsoft Office. Statt Kindern die Grundlagen digitaler Systeme zu vermitteln, bringt man ihnen bei, wie man ein Textdokument in Word formatiert. Dieselbe Politik, die selbstgehostete Lösungen eingestellt hat, weil sie zu teuer waren, und zu Office365 gewechselt ist.
Und dann sind da noch die Universitäten. Sie haben ihre E-Mail-Infrastruktur an Microsoft ausgelagert (…zumindest die TU Wien…) und damit die Hoheit über ihre eigenen Nutzerdaten aufgegeben. Studierende müssen heute den Microsoft Authenticator installieren, um ihre Unimails checken zu können. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft, die Hoheit über die eigene digitale Infrastruktur, all das wurde aus Bequemlichkeit und vermeintlichen Kostengründen an einen US-Konzern abgegeben.
Wir hätten seit 20 Jahren unabhängig sein können. Aber Wienux, die Linux-Distribution der Stadt Wien, scheiterte 2008 an einer einzigen Software: Die Sprachförderung für Kinder lief nur unter Microsofts Internet Explorer. Also stellte man alle Rechner wieder auf Windows um und die Entwicklung von Wienux wurde eingestellt.
In München lief LiMux, die eigene Linux-Distribution der Stadt, über ein Jahrzehnt lang stabil auf 15.000 Arbeitsplätzen. Dann kam 2014 Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ins Amt, der sich selbst als “Microsoft-Fan” bezeichnete und die Rückkehr zu Windows vorantrieb. Unter dem Vorwand angeblicher Unzufriedenheit der Mitarbeiter und gestützt auf eine Studie der Microsoft-nahen Beratungsfirma Accenture wurde 2017 das Projekt beendet, die Stadt kehrte zu Windows zurück. Über ein Jahrzehnt Arbeit, weggeschmissen wegen eines Politikers.
Während wir in Österreich und Deutschland an Kindergarten-Software und Bürgermeistern scheiterten, haben es die Franzosen vorgemacht. Die nationale Gendarmerie stellte bereits 2008 auf die eigene Linux-Distribution GendBuntu um, heute laufen über 100.000 Rechner damit. Die gesamte öffentliche Verwaltung zieht nach. Sie sparen Millionen und gewinnen Unabhängigkeit. Aber was feiern wir da in Wirklichkeit? Die Abkehr von Microsoft oder integere Politiker?
Was war mit dem Libro Music Store, der mit etwas Förderung ein österreichischer Konkurrent zu iTunes hätte werden können? Oder Donauland, das eingegangen ist, während Amazon, ebenfalls ein Buchhändler, zur Weltmacht aufgestiegen ist?
Das EU-Parlament hat jetzt Qwant als Standardsuche eingestellt. Aber wurden auch nur ansatzweise Förderungen in Höhe der Summen vergeben, die notwendig wären, um gemeinsam mit Ecosia den eigenen Suchindex auszubauen? Natürlich nicht.
Wobei das ohnehin egal ist. Selbst die Chinesen haben aufgegeben, weil Google uneinholbar vorne liegt. Vor 20 Jahren wäre es noch möglich gewesen, eine europäische Alternative aufzubauen. Vor 10 Jahren vielleicht noch mit einer gewaltigen Finanzspritze. Aber heute? Google sitzt auf Serverzentren, die man nicht einfach aus dem Boden stampfen kann. Sie haben Gemini, sie haben über 25 Jahre Erfahrung, sie haben Datenmengen, von denen europäische Unternehmen nur träumen können.
Wo sind unsere Rechenzentren? Wo ist unser KI-Programm? Welche Firma hat sich denn in den neuen KI-Unterricht, den sich der Wiederkehr einbildet, reingekauft?
Ein österreichisches Startup, das eine Suchmaschine oder eine KI baut, kann nicht mal eben in 27 Ländern gleichzeitig skalieren. Es müsste 27 verschiedene Datenschutzbehörden überzeugen, 27 Steuersysteme bedienen, 27 Sprachen und kulturelle Besonderheiten abdecken. Der Verwaltungsaufwand frisst das Kapital auf, bevor der erste Server steht.
Ein US-Konzern dagegen hat einen homogenen Binnenmarkt von 330 Millionen Menschen, denselben Rechtsraum, dieselbe Sprache, dieselben Werberichtlinien. Der Typ in Kalifornien klickt genauso wie der Typ in Florida. Der Konzern baut einmal, verdient 330 Millionen Mal. Wir bauen 27 Mal und verdienen einmal. Das ist kein Wettbewerb, das ist wirtschaftlicher Selbstmord.
Die großen Player aus den USA sind nicht einfach “schlauer” oder “besser”. Sie sind das Produkt einer gigantischen Heimspiel-Überlegenheit. Während wir uns über den Datenschutz in 27 nationalen Einzelfällen streiten, rollt Google die nächste Serverfarm aus. Während wir über die Auslegung der KI-Verordnung diskutieren, trainiert OpenAI das nächste Modell.
Dabei ist die bittere Ironie, dass genau die Konzerne das tun, von was Europa immer redet: Sie setzen auf Open Source, sie fördern es, sie entwickeln es weiter, aber sie tun das nicht aus Idealismus, sondern aus strategischem Kalkül, denn wer den Standard kontrolliert, kontrolliert das Ökosystem und wer das Ökosystem kontrolliert hat die Macht. Google und Meta stellen Kernelentwickler ein, die direkt am Linux-Kernel mitarbeiten, sie finanzieren die Grundlagen des modernen Webs, von React über Angular bis hin zu Chromium und ihre Frameworks bilden das Rückgrat von Milliarden von Websites und Anwendungen. Android ist offen, aber die Play Services sind es nicht, Chromium ist offen, aber Google kontrolliert die Entwicklung, TensorFlow und PyTorch sind offen, aber die Rechenzentren gehören Amazon, Google und Microsoft. Meta hat mit PyTorch (…PyTorch ist das jQuery der 2020er. Einmal geschriebene KI-Anwendungen laufen damit auf praktisch jeder Plattform: auf NVIDIAs CUDA, auf AMDs ROCm, auf Apples MPS, auf Intels XPU, auf CPUs oder auf Spezialhardware wie Graphcores IPU. Was jQuery für das Web war, ein Framework, das DOM-Manipulation, Event-Handling und AJAX/JSON über alle Browser hinweg vereinheitlichte, ist PyTorch für die KI: eine Abstraktionsschicht, die die Hardware-Unterschiede unsichtbar macht…) nicht nur den globalen Standard gesetzt, sondern selbst die Chinesen in eine Abhängigkeit manövriert, die sie bis heute nicht abschütteln konnten (…mit all ihrer industriellen und staatlichen Macht, bauen sie zwar mit Hochdruck an eigenen Frameworks wie MindSpore und PaddlePaddle, aber der 62-Prozent-Marktanteil von PyTorch in China zeigt, wie tief die Abhängigkeit sitzt…). Die Konzerne geben die Technologie kostenlos her, um Konkurrenz auszuschalten, aber sie behalten die Daten, die Skalierung und damit die Kontrolle. Und Europa? Europa redet von Open Source, schreibt Strategiepapiere, fördert Pilotprojekte, aber in der Verwaltung steht weiterhin Windows, in den Schulen Microsoft Office, in den Universitäten Google Workspace, und die einzigen, die wirklich auf Open Source setzen, sind die Konzerne selbst. Die USA nutzen Open Source, um zu herrschen, die EU redet davon, um sich zu beruhigen.
Solange wir keine echte Digitalunion haben, also einen echten europäischen Binnenmarkt mit einer einzigen Behörde, einem einzigen Rechtsraum und einer gemeinsamen Infrastruktur, wird es immer scheitern. Solange wir nationalstaatliches Klein-Klein (…Könnt ihr euch oben noch an Wienux und LiMux erinnern? Das sind die perfekten Beispiele, anstatt dass man so ein Projekt auf europäischer Ebene aufzieht, macht jedes Land seinen eigenen Pfusch und scheitert phänomenal…) über europäische Größe stellen, werden wir immer nur Bittsteller bei amerikanischen und chinesischen Konzernen sein.
Es scheitert nicht am Wissen, was zu tun ist. Es scheitert nicht einmal an den Ankündigungen. Es scheitert an der strukturellen Zersplitterung Europas, an der fehlenden Bereitschaft, nationale Egoismen und Interessenkonflikte (…wie zwischen Frankreich und Deutschland…) für ein wirklich gemeinsames, strategisches Ziel zu überwinden. 27 Finanzminister mit 27 eigenen Interessen, können sich nicht einmal auf eine gemeinsame Bankenunion einigen, geschweige denn auf ein gemeinsames KI-Rechenzentrum.
Das ist kein Bug. Das ist ein Feature. Die EU wurde so designt, dass kein einzelnes Land die anderen dominieren kann. Das ist großartig für den Frieden, aber es ist katastrophal für den Wettbewerb mit technologischen Supermächten wie den USA und China.
Wenn Deutschland es anführt, blockiert Frankreich es. Wenn Frankreich es anführt, unterfinanziert Deutschland es. Wenn die EU-Kommission es versucht, verklagen die Mitgliedstaaten sie wegen Kompetenzüberschreitung. Die Franzosen wollen es in Paris mit einem französischen Cloud-Anbieter (…Outscale oder OVHcloud…), die Deutschen wollen es in Berlin mit der Telekom und SAP. Luxemburg und Irland wollen es, weil sie Steueroasen sind und jedes zusätzliche Rechenzentrum ihr Geschäftsmodell stärkt. Jeder will den Kuchen für sich, aber keiner ist bereit, wirklich europäisch zu denken.
Solange diese Muster fortbestehen, werden Projekte wie Gaia-X oder IPCEI-CIS zwar nicht sterben, aber sie werden zur Bedeutungslosigkeit verkommen und den US-Konzernen damit weitere wertvolle Jahre verschaffen.
Die USA haben den Digital Markets Act (…Man reguliert nur das, was man nicht mehr kontrolliert!…) nicht nötig. Sie haben den Markt, aus dem wir uns rausregulieren. Dabei wird die Regulierung längst von den Konzernen selbst mitgeschrieben. Fast 900 Lobbyisten drängen in Brüssel auf Einfluss, täglich finden drei Treffen mit EU-Kommission oder Parlamentariern statt. Die Kommission hat bei Datenschutz- und KI-Regeln in mindestens sieben Fällen Lobbyforderungen von Google, Meta und Co. fast wortgleich übernommen. Der Digital-Omnibus Ende 2025 war für Kritiker “das größte Weihnachtsgeschenk, das sich Big Tech hätte wünschen können”.
Das Ergebnis: Gesetze, die die Konzerne zähmen sollen, stärken sie oft. Die DSGVO sollte den Datenschutz stärken, aber stattdessen erzeugen die Cookie-Banner vor allem Frustration, während die Tech-Konzerne daran verdienen. Die Banner erzielen Consent-Raten von bis zu 90 Prozent, obwohl nur 3 bis 10 Prozent der Nutzer getrackt werden wollen.
Noch perfider: Der DMA zwingt Meta zur Öffnung von WhatsApp für Konkurrenten, aber durch diese Öffnung erhält Meta Zugriff auf die Daten von Nutzern anderer Messenger. Meta hat die Umsetzung so gestaltet, dass Drittanbieter eine Light-Version von Metas Chat-App in ihr System integrieren und ihre eigenen Sicherheitsstandards aufgeben müssten (…Meta gibt die Protokolle vor, die Interoperabilität ist auf Einzelchats beschränkt, Gruppen und Anrufe sind nicht abgedeckt und die einzigen Partner, die bislang mitmachen, sind BirdyChat und Haiket, die kaum jemand kennt…). Threema lehnt die Anbindung deshalb ab, weil Interoperabilität bedeuten würde, sich “am kleinsten gemeinsamen Nenner” zu orientieren. Der Anreiz, Threema überhaupt noch zu nutzen, würde verschwinden. Die Konzerne sind nicht die Dummen, denn sie haben längst kapiert, dass sie die EU-Regulierung als strategisches Werkzeug nutzen können, um ihre Konkurrenz auszuschalten. Die EU-Regulierung zementiert so am Ende die Monopolstellung von Meta und die Konzerne können sich darauf berufen, dass sie nur das tun, wozu das Gesetz sie zwingt (…dabei wäre die Lösung so einfach gewesen: WhatsApp basiert im Kern auf XMPP, einem offenen Protokoll für Instant Messaging. Hätte die EU Meta zur Föderation gezwungen, wäre WhatsApp nur ein Anbieter von vielen! Also nach demselben Prinzip, nach dem E-Mail seit Jahrzehnten funktioniert: Jeder kann einen eigenen Server betreiben, und jeder kann mit jedem schreiben, egal bei welchem Anbieter er ist. Jeder andere XMPP-Server könnte mit WhatsApp schreiben, und WhatsApp-Nutzer könnten jeden beliebigen XMPP-Client verwenden, zum Beispiel Conversations. So hätte man das Monopol wirklich aufgebrochen und Meta hätte die Kontrolle über die App verloren. Stattdessen hat man sich dazu entschlossen, das Monopol einzuzementieren! Noch schlimmer: der schwarze Peter liegt jetzt bei Signal und Threema, weil sie sich Meta nicht unterwerfen wollen…)(… Oder ein anderes Beispiel: Dasselbe Muster zeigt sich beim USB-C-Zwang: Die EU hat Apple 2023 gezwungen, den Lightning-Anschluss aufzugeben. Doch Apple hat den USB-C-Port mit einem Authentifizierungs-Chip ausgestattet, der nicht-zertifizierte Kabel drosselt. Die EU-Kommission hatte Apple bereits im März 2023 schriftlich gewarnt, dass ab dem 28. Dezember 2024 Geräte, die die Interoperabilität einschränken, auf dem EU-Markt nicht mehr zugelassen sind. Apple verkauft die Drosselung jedoch als “Sicherheitsmaßnahme”, denn offiziell heißt es, der Chip sei darauf ausgelegt, sicherzustellen, dass nur genehmigte MFi-Zubehörteile vollen Zugriff auf das Gerät erhalten. Ein Taobao-Test von 2026 zeigt die Praxis: Ein Apple-Originalkabel lädt das iPhone 15 Pro in 28 Minuten auf 50 % (26,8 W). Ein MFi-zertifiziertes Drittanbieter-Kabel in 29 Minuten (26,5 W). Ein nicht-zertifiziertes Kabel jedoch in 52 Minuten (10,2 W), also halb so schnell. Der Stecker ist also standardisiert, aber die Macht Apples über das Ökosystem wurde nicht gebrochen, da Apple die Drosselung als Sicherheitsversprechen verkauft, das die EU nicht widerlegen kann…).
Europa investiert nicht, es verwaltet nur. Förderprogramme sind kleinteilig und bürokratisch, zielen auf Projekte statt auf Industrien. Und es fehlt die Exit-Strategie: In den USA will jedes Startup an die Börse oder von Google gekauft werden, in Europa reicht eine “nachhaltige Geschäftsgrundlage”, was übersetzt so viel heißt wie: man bleibt klein.
Die Liste der Erfindungen, die Europa nicht kommerzialisiert hat, ist ernüchternd: Linux kam aus Finnland, das World Wide Web aus dem CERN in der Schweiz, MP3 vom Fraunhofer-Institut in Deutschland, der Diesel-Motor aus Deutschland und die Kernspaltung wurde in Europa entdeckt. Kommerzialisiert und skaliert wurden sie alle in den USA. Das Muster ist immer dasselbe: Europa erfindet, die USA vermarkten. Europa forscht, die USA skalieren. Europa denkt in Projekten, die USA in Industrien. Die USA nehmen europäische Erfindungen, bauen sie aus, machen Milliarden damit und Europa kauft die Produkte dann teuer zurück. (…Meine erste Begegnung mit Linux hatte ich in der Volksschule, als ich mir in der Bücherei ein Buch über die DLD ausborgte. Im Zuge der Recherche für diesen Artikel wollte ich wissen, was aus der Firma geworden ist. Die Antwort ist traurig, denn sie bestätigt den ganzen Abschnitt. Also bringen wir’s hinter uns: 1999 kaufte Red Hat die Stuttgarter Delix Computer GmbH, den Hersteller der “Deutschen Linux-Distribution” (DLD), auf. Die DLD war die erste deutschsprachige Linux-Distribution überhaupt und Red Hat kaufte Delix genau wegen seiner Stärken, wie Benutzerführung und Installation. Die Deutschen hatten das, was den Amerikanern fehlte und statt die DLD in Deutschland zu behalten und auszubauen, wurde sie verkauft, absorbiert, integriert und dann eingestellt. Was von der ersten deutschen Linux-Distribution übrig blieb, war eine US-Tochterfirma in Stuttgart. Heute kauft Deutschland die Früchte dieser Übernahme zurück: in Form von RHEL-Lizenzen, Support-Verträgen und Abhängigkeiten von einem US-Konzern, der ohne die Stuttgarter Entwickler nie so stark geworden wäre…)
Man kann kein europäisches Google über Nacht aus dem Boden stampfen. Das ist 20 Jahre zu spät. Aber man kann aufhören, die Konzerne weiter zu füttern. Man kann aufhören, sich bei ihnen einzukaufen. Man kann aufhören, den nächsten roten Teppich auszurollen. Und man kann anfangen, die bestehenden Alternativen zu nutzen, wie Mastodon, PeerTube, Linux, Matrix auch wenn sie kleiner sind. (…Oder zwingt die EU, ein europäisches Tech-Ökosystem mit einem einzigen Rechtsraum und Milliardensubventionen aufzubauen, oder akzeptiert, dass wir für immer die Kolonie der USA bleiben…)
Was bleibt am Ende? Ein Kontinent, der wirtschaftlich abgehängt ist. Ein Kontinent, der seine digitale Infrastruktur an die USA ausgelagert hat. Ein Kontinent, dessen Häfen und Handelszentren von China aufgekauft werden. Ein Kontinent, der zwischen den beiden Supermächten zerrieben wird.
Und das alles ist selbstverschuldet! Der erste Schritt zur Lösung wäre, es endlich zuzugeben.
Epilog: Das dritte Mal
Erst haben wir bei den sozialen Netzwerken versagt, dann bei der Cloud-Infrastruktur und jetzt bei der Künstlichen Intelligenz.
Während die USA und China ein Wettrüsten führen und Milliarden in Rechenzentren, Chip-Fabriken und riesige Sprachmodelle pumpen, diskutiert Europa darüber, ob KI ethisch vertretbar ist. Während China den Markt mit freien Modellen flutet, um strategisch Abhängigkeiten zu schaffen und alle in sein Ökosystem zu drängen, während OpenAI und Google sich gegenseitig überbieten, fördert Europa ein paar Forschungsprojekte und lässt die Ergebnisse dann auf AWS hosten. Genau dort, wo die USA die Kontrolle haben.
Die paar europäischen Modelle, die es gibt? Sie laufen auf amerikanischen Servern. Selbst Mistral, das angeblich europäische Vorzeigeunternehmen, wird von US-Investoren wie Andreessen Horowitz und Lightspeed Venture Partners finanziert und ist über Amazon Bedrock verfügbar, also auf AWS-Infrastruktur. Europa baut keine eigene Infrastruktur. Es mietet sie. Wie immer.
Und die Hardware, auf der alles läuft? Die USA könnten sie jederzeit abschalten. Sie haben bereits bewiesen, dass sie exportkontrollierte KI-Chips gegen China einsetzen, mit einem System aus Lizenzpflichten, Genehmigungsvorbehalten und Zugriffsbeschränkungen. Im Moment gibt es eine Ausnahme für Europa. Aber sie ist nicht garantiert. Sie ist ein Privileg, das jederzeit widerrufen werden kann. Die Infrastruktur gehört nicht Europa, sie wird nur gemietet.
Die USA haben längst gezeigt, dass sie ihre technologische Überlegenheit als geopolitische Waffe einsetzen. China wiederum hat verstanden, dass offene Modelle der perfekte Trojaner sind: Sie werden weltweit begeistert übernommen, weil sie kostenlos und leistungsfähig sind und ziehen damit Entwickler, Unternehmen und ganze Länder in ein Abhängigkeitsverhältnis, das mit geschlossenen Modellen nicht so leicht zu erreichen wäre. Europäische Unternehmen nutzen chinesische Modelle, weil sie günstig sind, und wundern sich später, wenn die Daten in Peking landen oder die API plötzlich anders aussieht.
Das Muster ist immer dasselbe: Die USA bauen und kontrollieren die Hardware. China kopiert, öffnet und umarmt. Europa reguliert. Und am Ende kauft oder mietet es sich ein und wird Teil eines fremden Ökosystems, ohne es zu merken.
Europa wird es erst merken, wann es die Kontrolle endgültig verloren hat, wenn die Amerikaner die Preise diktieren oder die Chips sperren oder wenn die Chinesen entscheiden, welche Inhalte ihre Modelle noch ausspucken dürfen und welche nicht. Oder wenn beide Seiten Europa schlicht nicht mehr fragen. Die USA haben längst gezeigt, dass sie ihre technologische Überlegenheit als Waffe einsetzen. China hat gezeigt, dass es Geduld hat und langfristig denkt.
Und dann, in zehn Jahren, werden wieder dieselben Experten in denselben Zeitungen sitzen und sich über die Macht der KI-Konzerne beschweren. Sie werden sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Sie werden die Abhängigkeit beklagen. Sie werden nicht erwähnen, dass sie es hätten verhindern können. Dass sie es hätten wissen müssen. Dass sie es gewusst haben.
Aber es wird niemanden mehr interessieren. Denn dann ist es zu spät.
Die USA führen einen existenziellen Kampf gegen China um die technologische Vormachtstellung im 21. Jahrhundert (…Man könnte fast sagen, dass wir uns in einem neuen kalten Krieg befinden…). Damals hatte die USA noch ein Interesse an einem starken Europa als Bollwerk gegen die UdSSR, aber in diesem Kampf gibt es keine Verbündeten mehr, sondern nur Ressourcen, Märkte und Schwachstellen. Europa ist für die USA nichts weiter als eine Ressource: der größte Auslandsmarkt für ihre Monopolrenten, die Rohstoffquelle für ihre KI-Modelle, ein Talentepool und vor allem eine strategische Geisel.
Die USA kontrollieren die Chips, die Clouds und die Ökosysteme, auf denen Europa läuft. Wenn es zu einem transatlantischen Konflikt kommt, können sie europäische Banken von AWS abschneiden, deutsche Autokonzerne von Microsoft-Cloud-Diensten trennen oder die Chip-Versorgung unterbrechen. Das ist die logische Konsequenz der digitalen Abhängigkeit, die Europa seit 20 Jahren aufgebaut hat.
China hat aus den US-Sanktionen gelernt und baut eigene Chips und Ökosysteme. Europa hingegen reguliert sich weiter in die Bedeutungslosigkeit, während die USA und China Autarkie aufbauen. Die Medien, die Politik, die Nutzer haben nicht nur aus Bequemlichkeit den roten Teppich ausgerollt, sie haben die strategische Souveränität Europas verkauft, in dem Glauben, die USA seien ein Schutzschild. Jetzt steht Europa nackt da: keine eigenen Chips, keine eigene Cloud, keine eigene KI, aber dafür eine Menge schöner Regulierungen, die nichts daran ändern.
Die Lösung wäre keine “mehr Regulierung”, sondern eine europäische Technologie-Industriepolitik, die sich von den USA emanzipiert. Aber dafür fehlt der politische Wille, das Kapital und vor allem die Zeit.
Europa hat nicht nur technologisch versagt. Es hat geopolitisch versagt. Es hat sich in eine Abhängigkeit begeben, die es jetzt, wo die USA kein verlässlicher Partner mehr sind, mit keinem Gesetz der Welt korrigieren kann. Wir waren nicht die Opfer, sondern die Erbauer dieses Systems.
Es ist zu spät, um ein europäisches Google zu bauen. Aber es ist nicht zu spät, aufzuhören, uns selbst zu belügen. Die USA kämpfen um ihre Vormachtstellung gegenüber China und Europa ist für sie nur eine Ressource. Wir sollten aufhören, uns einzureden, dass wir etwas anderes sind.
Dabei ist der Blick in die Geschichte ernüchternd. Die USA haben sich ihre Einheit in einem blutigen Bürgerkrieg mit über 600.000 Toten erkämpft, eine Zahl, die bis heute alle anderen amerikanischen Kriege zusammengenommen übertrifft. Aber in diesem Krieg hatten beide Seiten eine amerikanische Nation und die Unabhängigkeit von der britischen Krone als Ziel. Es ging nur um die Ausgestaltung dieses Ziels.
Europa lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern. Dennoch ging Europa weiter den Weg der Nationalstaaten, aber die Generation von Politikern (Adenauer, de Gaulle, Schuman, Spinelli), die die Kriege miterlebt hatte, die teilweise in KZs inhaftiert waren, wusste, wozu die Hölle des Nationalismus führt. Sie stellten das Gemeinsame über das Trennende, rückten zusammen und schufen Großprojekte, die Europa zusammenhielten: Airbus, um eine Konkurrenz zur US-Luftfahrtindustrie zu haben. Die Ariane-Rakete, weil Europa einen eigenen Zugang zum Weltraum brauchte. CERN, die weltweit größte Forschungseinrichtung für Teilchenphysik. Den Eurotunnel zwischen Frankreich und Großbritannien, zwei Länder, die jahrhundertelang Erzfeinde waren, waren plötzlich durch einen 50 Kilometer langen Tunnel unter dem Ärmelkanal verbunden. Die Montanunion, aus der die EU entstand. Die deutsch-französische Freundschaft, die nach jahrhundertelanger Erbfeindschaft, seit der Reichstrennung, und zwei Weltkriegen, innerhalb von 70 Jahren zur treibenden Kraft der europäischen Einigung wurde.
Heute sind diese Politiker fast alle tot. Und mit ihnen verschwindet die Erinnerung an das, was Nationalismus wirklich bedeutet. Populismus und nationale Egoismen nehmen wieder überhand und schwächen Europa genau in dem Moment, in dem es geeint sein müsste, um gegen die technologischen Supermächte USA und China zu bestehen.
Am Ende bleibt jetzt nur noch die bis jetzt unausgesprochene, traumatische Frage:
Muss Europa wieder brennen, bevor es sich einigt?